Von Hansueli auf Dienstag, 29. September 2026
Kategorie: Nordamerika

Herbst in Kanada

Tok ist die letzte grössere Ortschaft am Alaska Highway in Richtung Kanada. Mit vollem Kühlschrank und frisch geduscht fuhr ich los. Das Wetter war angenehm und die goldenen Blätter der amerikanischen Zitterpappel leuchteten in der Sonne. Bis zur Grenze sind es 145 Kilometer. Ausser im südlichen Küstenbereich bildet der 141. Längengrad die Grenze zwischen Kanada und Alaska. Einfach eine gerade Linie durch die Landschaft. Die US-Zollstation befindet sich ein paar hundert Meter neben der Grenze, der kanadische Zoll erst nach 30 Kilometern, kurz vor der kleinen Ortschaft Beaver Creek. Der Grenzübertritt war einfach und schnell. Drei kurze Fragen wurden gestellt, wo ich meinen Wohnsitz habe, ob der Van mir gehört und ob ich Waffen dabei habe. Mit der Grenze wechselt auch die Zeitzone und die Masseinheiten werden metrisch. Ich stelle das System des Vans und das Navi von Meilen auf Kilometer um.



Ab der Grenze ist die Strasse zum Teil in einem schlechten Zustand. Es ist eine Slalomfahrt um die grössten Schlaglöcher und Bodenwellen, die das Gefühl einer Achterbahnfahrt vermitteln. Ich überholte ein grosses Wohnmobil, das mich auf einer anderen Strasse überholt hätte. Ich habe mal gehört, dass sich bei einigen grossen Wohnmobilen die Schränke öffnen, wenn es zu stark schaukelt oder vibriert. Wenn ich meine Schränke verriegele, bleiben sie zu. Ab Beaver Creek wurde der Strassenzustand besser.



Am breiten Flussbett des Donjek River blieb ich über Nacht. Ich war nicht der Einzige, der diesen schönen Platz mit dem Panorama auf Berge und die Kluane Gletscher genoss. Vor der Weiterfahrt genoss ich die Sonne. In Burwash Landing am Kluane Lake besuchte ich das Kluane Museum of Natural History. Dort werden kleine und grosse präparierte Tiere ausgestellt. Sie werden nicht als aggressive Wesen dargestellt. An anderen Orten sah ich Bären, Wölfe und Kojoten in furchterregenden, aggressiven Haltungen dargestellt.



Am Seeanfang des Kluane Lake kam mir das Oberengadin in den Sinn. Hier ist es viel grösser und statt Lärchen leuchten Zitterpappeln golden in der Sonne. Das Wasser im See war kühl, es genügte mir vollauf, eine Hand darin zu baden. Zum Wandern war ich zu spät dran. Ich fuhr weiter bis nach Haines Junction. Dort zweigt der Haines Highway zur Küste nach Haines ab. Der Küstenstreifen gehört zu Alaska. Vor drei Jahren war ich in Haines. Es war eine schöne Tour, auf die ich diesmal verzichte. Mit einem tollen Blick auf die Berge blieb ich auf dem Parkplatz des St. Elias Convention Centre stehen.



Am nächsten Morgen hatte ich 8 °C im Van. Ich schaltete die Heizung ein und legte mich nochmals unter die warme Bettdecke. Direkt nach Whitehorse, der nächsten Stadt, wollte ich noch nicht fahren. 20 Kilometer südlich des Alaska Highways liegt der Kursawa Lake. Am Seeufer liegt ein einfacher Campingplatz der Yukon Verwaltung.


Auf der Fahrt bog ich erst auf die alte Alaska Highway nach Champagne ab. Ein kleines Dorf, das auf dem Land der Champagne and Aishihik First Nations liegt. Nach dem Abbiegen auf die Kusawa Lake Road sah ich am Takhini River den gelben deutschen Ex-Post-Lieferwagen. Das deutsch-italienische Paar traf ich zum dritten Mal. Seit ein paar Tagen standen sie am Flussufer. Mich zog es weiter zum See. Am Seeende fand ich einen Platz mit tollem Überblick auf den See und die umliegenden Berge. Trotzdem fuhr ich erst einmal zum Campingplatz. Als ich vor der Infotafel stand, sah ich einen Schwarzbären von Strauch zu Strauch laufen und Beeren pflücken. Er liess sich von mir in keiner Weise stören. Auch als ich ihm mit Abstand hinterherfuhr und keine fünf Meter neben ihm stehen blieb, interessierte ihn nur die Hagebutten am Strauch. Ich wartete, bis er sich entfernte und mir den Weg freigab.



Am späten Abend kam auf dem Plateau am Seeende böiger Wind auf. Immer wieder zitterte der Van. Am Morgen war der Wind so stark, dass ich Mühe hatte, an der Kante ein Foto zu machen. Als ich wegfahren wollte, kam ein Pick-up mit vier Kanus auf dem Anhänger auf den Platz. Dicht dahinter kam ein Kleinbus. Vermutlich wollten die Leute den Takhini River hinunterpaddeln.



Mich zog es immer noch nicht nach Whitehorse. Einkaufen war noch nicht notwendig, da ich noch genügend frische Vorräte hatte. 28 Kilometer ausserhalb von Whitehorse liegen die Takhini Hot Springs mit dazugehörigem Campingplatz. Wer auf dem Campingplatz übernachtet, bekommt Rabatt auf den Eintrittspreis. Die Anlage bietet zwei unterschiedlich warme Saunen, zwei Dampfbäder, drei Aussenbecken und ein Café. Die Becken sind höchstens 50 cm tief. Zum Schwimmen sind sie nicht geeignet. Ich stellte den Van auf dem Campingplatz ab und liess mich vom warmen Wasser verwöhnen. Das Wetter war prächtig, ich konnte entspannt im Wasser liegen. Am nächsten Morgen unternahm ich zunächst eine kleine Wanderung auf einen nahen Hügel, von dem aus man eine schöne Rundsicht hatte. Es war bewölkt und der kühle Wind lud nicht zu einer längeren Gipfelpause ein. Auf dem Weg hinauf begegnete ich einem Ptarmigan, einem Schneehuhn, das noch sein Sommergefieder trug. Im Wald hörte ich ein Tierlaut. Ich dachte zunächst, es sei ein Vogel, bis ich sah, dass es ein Eichhörnchen war. In der Schweiz hatte ich noch nie bewusst den Laut eines Eichhörnchens gehört. Im Bad und in der Sauna wärmte ich mich wieder auf.



Nach zwei Tagen fuhr ich weiter nach Whitehorse. Ich stellte mich an den Rand der Stadt auf den Parkplatz eines Supermarkts. Und meine Nase begann zu laufen. Trotz Sauna und warmem Wasser hatte ich mich erkältet. So weiterfahren wollte ich nicht. Ein Ölwechsel war nötig. Am nächsten Tag, am Samstag, hatte die Werkstatt für den Ölwechsel geöffnet. Am Sonntag jedoch nicht. Nach einem langsamen, ausgiebigen Frühstück fuhr ich zunächst zu den WoMo-Parkplätzen in der Stadt am Ufer des Yukon River. Durch den kleinen Umweg wurde der Motor für den Ölwechsel leicht wärmer und ich wollte sehen, ob das Übernachten auf den fünf Parkplätzen noch erlaubt ist. Nach wie vor sah ich keine Tafel, die das Übernachten verbietet. Bei meinen vorigen Besuchen in Whitehorse habe ich immer dort gestanden. Für den Ölwechsel konnte ich direkt in die Werkstatt fahren. Meine Daten hatten sie noch in ihrem System, denn vor zwei Jahren liess ich dort das Öl wechseln.


Nur wenige Schritte vom WoMo-Parkplatz entfernt liegt das MacBride Museum of Yukon History. Mit meiner leichten Erkältung war der Museumsbesuch eine gute Sache. Auch wenn es nicht mein erster Besuch war. Das Museum bietet eine breite Palette von Themen. Es geht um die Besiedelung durch verschiedene indigene Stämme, das Ankommen der Europäer und den Goldrausch, den Bau des Alaska Highways, der anfangs noch ALCAN (Alaska Canada Highway) hiess.



In einem Supermarkt deckte ich mich für die nächsten Tage ein. Zudem füllte ich einige Vorräte auf. Einige Bio-Lebensmittel sind im Offenverkauf erhältlich. Mein nächstes Ziel war Carcross am South Klondike Highway. Ursprünglich hiess Carcross Caribou Crossing. Später wurde der Name gekürzt. Er stammt vom Caribou, dem nordamerikanischen Rentier, und hat nichts mit einem Auto (Car) zu tun. Kurz vor Carcross befindet sich die Carcross Desert, die kleinste Sandwüste der Welt. Der Sand war einst der Untergrund eines Gletschersees. Als sich die Eismassen vor 10000 Jahren zurückzogen, blieb die Sandfläche zurück und der Wind bildete Dünen.



Carcross ist Endstation der White Pass & Yukon Route Railway. Diese Bahnlinie bis nach Skagway an der Küste wurde während des Goldrausches um 1898 gebaut. Zwischen Juni und Mitte September verkehren Personenzüge. Um den Bahnhof herum entstand ein touristisches Zentrum. Die Häuser mit Cafés und Souvenirgeschäften sind mit indigenen Motiven bemalt. Ich übernachte im Ort. Am nächsten Tag fuhr ich auf dem South Klondike Highway bis nach Fraser. Dort befindet sich die kanadische Grenzstation. Der Küstenstreifen gehört zu Alaska. Zunächst führt die Strasse am Nares Lake entlang und anschliessend am Windy Arm. Beide gehören zum weitverzweigten Tagish Lake. Nach einer kleinen Anhöhe folgt die Strasse dem Tushi Lake. Bei Fraser befindet sich ein Seengebiet, das durch viele kleine Inseln unterbrochen ist. Auf dem Rückweg machte ich einen Spaziergang bei Conrad, einer alten Stätte am Windy Arm. Ausser der Ruine eines alten Blockhauses, in dem vor 130 Jahren Menschen lebten, sah ich dort nichts. Durch den Wald der goldenen Zitterpappel zu spazieren, war auch ohne historische Hintergründe schön. Zum Übernachten stellte ich mich erneut auf den Parkplatz in Carcross.



Bei angenehmem Wetter fuhr ich nach Teslin. Zunächst fuhr ich auf der Tagish Road (YK8) über den Tagish River bis zum Alaska Highway. Ich überlegte, ob ich nach Atlin fahren sollte. Die 190 Kilometer hin und zurück schienen mir jedoch nicht attraktiv genug. Bei Johnsons Crossing überquerte ich den Teslin River. Hier zweigt auch die South Canol Road ab. Diese schmale, zum Teil einspurige Schotterstrasse führt bis Ross River. Vor drei Jahren war ich auf dieser Strasse unterwegs. Bis Teslin geht es am gleichnamigen See entlang. Kurz vor Teslin wollte ich das Teslin Tlingit Heritage Center besuchen. Da ich gegen Ende September unterwegs war, also ausserhalb der Saison, war es geschlossen. Bei der Tankstelle mit Hotel, Restaurant, Souvenirshop und Campingplatz füllte ich Trinkwasser auf. Ich war nachlässig. Den Schlauch, um Wasser zu füllen, muss ich innen im Van anschliessen. Ich schloss den Schlauch nicht richtig an. Als ich den Wasserhahn öffnete, spritzte Wasser. Die paar Schritte vom Wasserhahn zum Van und zurück reichten aus, um einiges nass zu machen. Bevor ich alles trocknen wollte, ging ich erst unter die Dusche. Auch die gibt es dort. Anstatt meine Torheit mit Alkohol wegzuspülen, kaufte ich mir im Souvenirshop eine Tasse mit dem indigenen Eulensymbol. Die Eule war Nanitas Lieblingstier. Für die indigene Bevölkerung symbolisiert die Eule das Bindeglied zur Geisterwelt. Sie ist die Reisende der Nacht, eine stille, weise Gestalt. Auf der anderen Seite des Teslin River stellte ich mich auf den Parkplatz eines Aussichtspunkts. Es war gut, dass das Wetter trocken war. Ich räumte den Stauraum aus und trocknete meine Stauboxen und den Boden. Erst sah es schlimmer aus, als es war.



Bei weiterhin gutem Wetter fuhr ich am nächsten Tag nach Watson Lake. Kurz vor Watson Lake, an der Kreuzung zum Cassiar Highway, erinnerte ich mich daran, dass sich dort die günstigste Tankstelle der Region befindet. Tanken musste ich sowieso. Auch wenn Diesel für die Einheimischen mit 2.65 CA$ (1.55 CHF, 1.65 €) teuer ist, ist er im Vergleich zur Schweiz immer noch billig.



In Watson Lake stellte ich mich wieder neben den Sign Post Forest. Ein US-Soldat stellte 1942 beim Bau des Alaska Highway aus Heimweh das Schild seines Heimatortes auf. Bis heute wuchs der Wald auf über 100000 Schilder an.



Der Morgen begrüsste mich mit Frost und Nebel. Die Sonne vertrieb den Nebel schnell. Im Freizeitzentrum ging ich duschen. Doch auch nach einigen Minuten kam nur sehr lauwarmes Wasser. Zum Haarewaschen war es mir zu kalt. Für die Körperwäsche war es jedoch sehr erfrischend. Die nächste Dusche gibt es im über 500 km entfernten Fort Nelson. Es sei denn, ich würde mich unterwegs auf einen privaten Campingplatz stellen.



Vor ein paar Wochen fuhr ich den Alaska Highway in die andere Richtung. Ausserhalb von Watson Lake warnte eine grosse Leuchttafel vor Bisons auf der Strasse. Tatsächlich sah ich nach über zwei Stunden Fahrt eine Bisonherde auf beiden Seiten der Strasse. Gemütlich spazierten sie von einer Strassenseite zur anderen. Ursprünglich wollte ich am Aussichtspunkt auf den Muncho Lake übernachten. Ein Verbotsschild untersagte das Übernachten auf dem Parkplatz. Also fuhr ich weiter zum Parkplatz am Seeufer, auf dem ich vor einigen Wochen übernachtet hatte.



Aufgrund der hohen Berge auf beiden Seiten des Sees lag ich am Morgen im Schatten. In der Nacht war es ruhig. Auf dem Alaska Highway fährt nachts in dieser Region kaum ein Auto oder LKW. Nach dem See steigt die Strasse an. Sie folgt bald dem Toad River, danach dem Racing River und dem McDonald Creek. Nach einer halben Stunde Fahrt sah ich am Strassenrand ein paar Ziegen. Ein entgegenkommendes Auto scheuchte sie in den Wald. Später sah ich kurz hintereinander mehrere Hirsche. Die zweite Gruppe blieb längere Zeit auf der Strasse stehen. Als es gegen Fort Nelson wieder flacher wurde, sah ich drei Schwarzbären. Die Bären müssen für ihren langen Winterschlaf einiges an Fett zulegen.



In Fort Nelson stellte ich mich wieder an die ruhige Seitenstrasse, die ich beim letzten Mal hier entdeckt hatte. Die Weiterfahrt auf dem Alaska Highway führt mehrheitlich über lange, gerade Strecken. Mal führt sie durch intakten Wald, mal durch verbrannten Wald. Auf halber Strecke zwischen Fort Nelson und Fort St. John stellte ich mich ein paar hundert Meter vom Alaska Highway entfernt auf eine grosse freie Fläche nahe einer Gaspipeline-Station. Rundherum stehen verbrannte kleinere Bäume. Vermutlich brannte der Wald hier vor etwa einem Jahr.



Auf der Weiterfahrt nach Fort St. John wurden die geraden Strecken kürzer. Je näher ich Fort St. John näherte, desto stärker wurde der Verkehr. Fort St. John ist eine Stadt der Gas- und Erdölindustrie. Am Rande des Walmart-Parkplatzes blieb ich über Nacht. Auch der nächste Morgen begann mit Sonnenschein. In einer neuen Wäscherei wurde ich sehr nett betreut. Während ich wartete, nutzte ich das WLAN. Mein US-Handyprovider führte innerhalb Kanadas eine Datenlimite ein. Die machen es wie die Lebensmittelindustrie. Der Preis bleibt gleich, der Inhalt wird weniger. Für die Weiterfahrt wählte ich die BC 29 (Don Phillips Way) nach Chetwynd. Diese Strecke ist viel schöner als der direkte Weg über den Alaska Highway nach Dawson Creek. Die BC 29 folgt zunächst dem breiten Peace River. Später führt sie entlang des Moberly Lake. Kurz vor Chetwynd begann es zu regnen. In Chetwynd findet jedes Jahr ein Festival zum Skulpturenschnitzen mit Motorsägen statt. Bei meinem letzten Besuch vor drei Monaten standen noch die Skulpturen vom Vorjahr am Strassenrand. Inzwischen stehen die Skulpturen von diesem Jahr. Unter anderem schaffte es ein Alpensteinbock eines deutschen Künstlers bis nach Kanada.



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