Ich nutzte den regnerischen und kühlen Tag in Anchorage, um den letzten Beitrag zu schreiben. Ich nehme an, dass man zwei Nächte auf dem Parkplatz eines grossen Outdoor-Warenhauses bleiben darf. Vor allem die Fischerei- und Jagdabteilung ist in diesem Geschäft gross. Beides Abteilungen, die mich in keiner Weise interessieren.

Turnagain ArmTurnagain ArmSeward Hwy
In den letzten Tagen hörte ich beim Fahren den historischen Roman «Die Buchhändlerin von Paris» der US-amerikanischen Schriftstellerin Kerri Maher. Der Roman erzählt die Geschichte von Sylvia Beach, einer jungen US-Amerikanerin, die 1919 in Paris die englischsprachige Buchhandlung «Shakespeare & Company» gründet. Vorbild war die französische Buchhandlung ihrer Freundin und späteren Lebenspartnerin Adrienne Monnier. «Shakespeare & Company» wurde schnell zum Treffpunkt englischsprachiger SchriftstellerInnen und Literaturinteressierter. Auch James Joyce war Stammgast und wurde von Sylvia Beach unterstützt. Als «Ulysses» in den USA verboten wurde und James Joyce keinen Verlag fand, publizierte Sylvia Beach «Ulysses». Beim Hören des Buches wurde ich neugierig und möchte nun doch einmal ein paar Seiten von «Ulysses» lesen. Vielleicht irgendwann in der Zukunft.

Seward HwySeward HwySeward
Nach den üblichen Besorgungen und Duschen fuhr ich bei schönem Wetter in Richtung Seward bis zum Bahnhof Girdwood. Die Strasse führt am Turnagain Arm entlang. Diesmal machte ich keine Fotostopps beim Beluga Point oder Bird Point. Diese Strecke fuhr ich schon einige Male. Die Bahnstrecke von Seward nach Anchorage wird hauptsächlich touristisch genutzt. Am Sonntagabend hielten kurz hintereinander drei Personenzüge aus Seward. Morgens um 8 Uhr kam der nächste Zug.

SewardSewardAlaska und Russland nahe zusammen
Alaska SeaLife Center SewardAlaska SeaLife Center SewardAlaska SeaLife Center Seward
Am Ende des Turnagain Arm, an der Kreuzung nach Whittier, befindet sich das Alaska Wildlife Conservation Center. Diesmal machte ich bei dem grossen Tierpark keinen Halt. Hier beginnt die Kenai-Halbinsel. Der Seward Highway führt durch eine grüne Bergwelt.
Vor sechs Jahren waren wir mit unserem Segelboot Dada Tux im Hafen von Seward. Der Hafen ist Ausgangspunkt für Bootsausflüge zu den Gletschern, die bis ins Meer fliessen. Damals besuchten wir die Gletscher mit unserem eigenen Boot. Hauptsächlich Männer buchen eine Angeltour. Viele dieser Boote sind mit protzigen Aussenbordmotoren mit hoher PS-Zahl ausgerüstet. Bei meinem kurzen Hafenrundgang sah ich kein ausländisches Segelboot. Im Hafen lagen zwei grosse Kreuzfahrtschiffe.

Alaska SeaLife Center SewardSewardExit Glacier
Für zwei Nächte buchte ich einen einfachen Platz direkt am Meer auf dem kommunalen Campingplatz. Wie von der Wetterprognose vorhergesagt, war der nächste Tag regnerisch mit tief hängender Wolkendecke. Ein guter Tag für den Besuch des Alaska SeaLife Centers. Das SeaLife ist kein gewöhnliches Aquarium. Hier werden auch verletzte Tiere gepflegt und Forschung betrieben. Bei dem Wetter hatten viele andere die gleiche Idee wie ich. Ein Erdbeben und Tsunami hatten 1964 die Infrastruktur der Ortschaft zerstört.

Exit GlacierResurrection RiverExit Glacier
Ich wachte bei strahlendem blauen Himmel auf. Bei diesem Wetter zog es mich zum 20 Kilometer entfernten Exit Glacier. Ich hatte mich noch nicht entschieden, ob ich am Abend nochmals nach Seward zurückfahren oder anderswo übernachten würde. Deshalb duschte ich vorher. Ab der Brücke über den Resurrection River stehen am Strassenrand Tafeln mit Jahreszahlen. Die erste Tafel, die noch weit vom Gletscher entfernt ist, trägt die Jahreszahl 1815. Bis hier hin reichte der Gletscher um 1815.

Exit GlacierExit GlacierExit Glacier
Seward WeisskopfadlerSeward MondaufgangSterling Hwy
Zunächst lief ich zum Glacier Overlook, um einen Blick von unten auf den Gletscher zu werfen. Danach musste ich ein grosses Stück wieder zurück, um auf den Harding Icefield Trail zu gelangen. Der Bergweg führt neben dem Gletscher zu meinem Ziel. Nach vier Kilometern und 750 Höhenmetern erreiche ich das «Top of the Cliffs». Ich geniesse den schönen Blick auf den Gletscher. Ein kalter Wind weht vom Gletscher her. Vor drei Jahren bewunderte ich den Rundblick zum ersten Mal. Wie sehr der Gletscher seitdem geschrumpft ist, kann ich nicht beurteilen. 1968 erhielt er den Namen «Exit». Eine Gruppe Bergsteiger gelangte erstmals von Homer aus über das gesamte Harding Icefield. Auf diesem Gletscher beendeten sie ihre zehntägige Tour. Eine Zeitung berichtete über diese Tour und schrieb, dass dies der Ausgang (Exit) der Tour gewesen sei. Seither heisst dieser Gletscher Exit. Ich beschloss, eine weitere Nacht in Seward zu verbringen.
Auch am nächsten Morgen schien die Sonne. Diesmal zog es mich in eine Wäscherei. Nur eine Waschmaschine war frei. Ich brauchte jedoch zwei. So dauerte das Waschen und Trocknen länger. Als ich am Nachmittag fertig war und alles verstaut hatte, dachte ich nicht lange nach. Ich gab den Parkplatz eines Outdoor-Händlers in Anchorage als Ziel in das Navi ein. Erst als ich an der Abzweigung nach Homer vorbeifuhr, kam mir in den Sinn, dass ich ursprünglich nach Homer und nicht schon jetzt zurück nach Anchorage fahren wollte. Die Kenai-Halbinsel ist zu schön, um einfach so schnell wieder zu verschwinden. Ich kehrte um und bog auf den Sterling Highway Richtung Homer ein. Im Bereich des Jean Lake brannte vor wenigen Jahren der Wald. Tote Bäume stehen dort nun zwischen niedrigen grünen Sträuchern. In Soldotna wählte ich die Kalifornsky Beach Road. Ich fand einen schönen Platz mit freier Sicht auf den Cook Inlet. Dieser reicht bis nach Anchorage hinauf. Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es keine Strassen. Der Himmel bedeckte sich zunehmend, sodass nicht mehr das gesamte Berg- und Gletscherpanorama der Chigmit Mountains sichtbar war.

Sterling HwyCook InletCook Inlet
Als ich aufstand, war es immer noch stark bewölkt. Die Berge auf der anderen Seite konnte ich nicht mehr sehen. Ein böiger Wind rüttelte immer wieder am Van. Auf demselben Platz übernachtete auch ein grosses deutsches 4x4-WoMo auf Lkw-Basis.

Cook InletCook InletAnchor Point Cook Inlet
Auf dem Weg nach Homer fährt man am Anchor Point vorbei, dem westlichsten Punkt Nordamerikas, der ganzjährig mit dem Auto erreichbar ist. Der Hafen von Homer liegt auf einer langgestreckten Landzunge, der Homer Spit, in der Kachemak Bay. Von hier aus starten die Fähren der Alaska Marine Highway nach Kodiak und zu den Aleuten. Rund um den Hafen ist es sehr touristisch. Souvenirshops, Fischrestaurants und Anbieter von Bootstouren reihen sich entlang der Strasse aneinander. Wie im Südwesten Englands steht am Ende der Strasse Land’s End. Die Sicht aufs Meer versperrt ein Hotel. Auf der ganzen Landzunge darf man mit dem Wohnmobil nirgends frei stehen. Ich bleibe für zwei Nächte auf dem gemeindeeigenen Campingplatz mit Blick aufs Meer, die Berge und Gletscher.

Anchor Point Cook InletAnchor Point Cook InletHomer Kachemak Bay
Homer SpitHomer SpitHomer Spit
Der zweite Tag war ein Ruhetag. Zunächst erledigte ich einige grössere Wartungsarbeiten an der Website, anschliessend drehte ich eine grosse Runde um das gesamte Hafenbecken. Es wird merklich kälter in Alaska. Trotz der Sonne war es durch den Wind kühl. Bevor ich am Morgen aufstand, schaltete ich die Heizung ein. Ich schätze es, gemütlich zu frühstücken. Bei 16 °C stellt sich bei mir keine Gemütlichkeit ein.

Homer Spit SonnenuntergangHomer Spit Mondaufgangneugieriges Moose
Bevor ich Homer verliess, kaufte ich für ein paar Tage ein. An einer Tankstelle konnte ich einen Rundumservice durchführen. Ich konnte Abfall und Abwasser entsorgen sowie Trinkwasser, Diesel und DEF (AdBlue) tanken. Meist muss ich DEF in 2,5-Gallonen-Kunststoffbehältern kaufen, die zusätzlich in einem Karton verpackt sind. Diesmal konnte ich DEF direkt tanken, ohne viel Abfall zu hinterlassen.

Swanson River Roadweiter geht es nicht mehrSwanson River Road
Kurz vor Sterling bog ich auf die Swanson River Road ab. Diese Schotterstrasse führt in ein Seengebiet, das viele mit dem Kanu entdecken. Die 30 miteinander verbundenen Seen sollen ein Weltklasse-Kanuwandersystem sein. Ich wollte noch weiter auf der Swan Lake Road fahren. Nach ein paar Kilometern versperrte mir ein umgestürzter Baum den Weg. Mein Van ist zu hoch, um schadenfrei daran vorbeizufahren. Also fuhr ich ein paar hundert Meter rückwärts zu einer guten Wendestelle. Am Dolly Varden Lake richtete ich mich für die Nacht ein. Während ich über den freien Campingplatz spazierte, warnte mich eine Frau vor einem Bären, den sie am Morgen gesehen hatte. Sie ist mit ihrem kleinen Hund die einzige andere Besucherin an diesem Platz.

Dolly Varden LakeSterling HwyTern Lake
Seward HwySeward HwyBahnhof Girdwood
Am Morgen war ich ganz allein am See. An der Kreuzung zum Sterling Highway befindet sich eine Wäscherei mit Duschen. Die Duschen sind sauber, aber mit 30 Minuten Nutzungszeit eher teuer. Das freie WLAN benutze ich für grössere Updates meines Navis. Auf der Fahrt nach Anchorage schaue ich mir verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten an. Am Ende entscheide ich mich wieder für den Bahnhof in Girdwood. Er ist weit genug von der Hauptstrasse entfernt und abends um 20 Uhr und morgens um 8 Uhr fahren jeweils zwei Züge, was mich nicht stört. Dazwischen ist es ruhig.

Denali MountainsSeward HwyTurnagain Arm
Mein hydraulischer Wagenheber verliert Öl. Ich habe mich entschieden, ihn nicht weiter zu benutzen, da er mir zu unsicher ist. In Anchorage gibt es eine grosse Mercedes-Sprinter-Vertretung. Auf der Webseite füllte ich ein Formular aus und fragte, ob sie einen Wagenheber auf Lager haben. Es ist schön, wenn man ein Formular ausfüllen kann und danach ausser der automatischen Bestätigung drei Arbeitstage lang keinerlei Antwort bekommt. Vorbeigehen ist besser. Innerhalb einer Woche hätten sie einen für 470 $. Doch, ah, er habe falsch geschaut, für meinen Sprinter müsse ein Wagenheber aus Deutschland importiert werden. Das würde 550 $ kosten und mindestens zwei Wochen dauern. Ich bedankte mich herzlich für die Auskunft. Ich werde mich im Autozubehörhandel nach einem geeigneten Wagenheber umsehen.

Reifen wechselnWassertankWassertank
Im Internet fand ich einen geeigneten Wagenheber, den es leider in den Filialen in Alaska nicht gibt. Also kaufte ich einen kleineren Wagenheber, bei dem ich andere Punkte zum Heben benutze. Mit diesem neuen Wagenheber konnte ich die Reifen rochieren. Auf den nassen Schotterstrassen füllten sich die hinteren Felgen mit einer kompakten Schicht aus Dreck.

WassertankAnchorageinternational Gallery of Contemporary Art Linda Lucky
Anchorage MuseumAnchorage MuseumRebecca Lyon Anchorage Museum
Für die nächsten zwei Tage wird trockenes Wetter vorhergesagt. Das Wassersystem im Van ist undicht. Es ist schon länger so. Ich muss es angehen. Ich stelle mich auf einen eher heruntergekommenen Campingplatz in der Stadt. Mit dem Wassersystem ist es so eine Sache. Im Endeffekt bin ich mir nicht sicher, ob alles noch in Ordnung ist oder ob ich langfristig einen neuen Wassertank brauche. Er war sehr nachlässig befestigt. Beim dritten Mal, den Tank zu entleeren, unterlief mir ein Fehler. Ich habe nicht kontrolliert, ob die Entlüftung offen ist. Dadurch entstand ein grosser Unterdruck im Tank. Um alles noch einmal zu öffnen, war das Wetter zu schlecht. Um zum Tank zu gelangen, muss ich meinen gesamten Stauraum ausräumen. Bei Regenwetter würde alles nass werden.

Anchorage MuseumAnchorage MuseumAnchorage Museum
Das regnerische Wetter nutzte ich für den Besuch einer kleinen Kunstgalerie und des Anchorage Museums. Vor sechs Jahren machte mir ein Bild, eher eine Skulptur, der indigenen Künstlerin Rebecca Lyon grossen Eindruck. Vor drei Jahren fand ich das Bild nicht mehr. Da kam mir Zensur in den Sinn. Diesmal fand ich das Bild an einem anderen Ort, in der Abteilung „Kalter Krieg”. Dort werden auch die Atombombentests auf den Aleuten-Inseln thematisiert. Im Text zum Bild steht unter anderem: «In diesem Werk stellt Rebecca Lyon eine halb Frau, halb Fisch-Figur dar, um den Geist der Insel Amchitka zu verkörpern, die zur Aleutenkette gehört. Die Kreuzigung der Figur an einem rostigen Kreuz symbolisiert die Auswirkungen der Atomtests, die in den 1960er Jahren stattfanden und 1971 in der fünf Megatonnen starken ‚Cannikin‘-Explosion gipfelten.“ Ich fand es toll, dass das Werk immer noch im Museum ist.

Anchorage MuseumAnchorage MuseumAnchorage Museum
Die Wetterprognose für die nächste Zeit in Anchorage zeigte schlechtes Wetter an. Der Herbst ist voll da. Durch die farbenfrohe herbstliche Landschaft fuhr ich bis zum Matanuska Glacier. Am Abend holte mich das schlechte Wetter ein. Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder durch die Wolken. In Glennallen fuhr ich zunächst zur Wäscherei. Ich stellte mich unter die Dusche und wusch all meine Wäsche. Beim Reifenwechseln war doch einiges schmutzig geworden.

Rebecca Lyon Anchorage MuseumAnchorage MuseumMatanuska River
Matanuska RiverGlenn HwyMatanuska Glacier
Auf der schönen Strecke über den Isabel Pass nach Delta Junction hatte ich mehrheitlich gutes Wetter. Auf dem 1000 m hohen Pass wehte ein kühler Wind, der einige Wellen im Summit Lake produzierte. Kurz vor Delta Junction wurde es wieder regnerisch. Vor der örtlichen Bibliothek übernachtete ich und nutzte das freie WLAN ausgiebig für diverse Updates.

Matanuska RiverMatanuska RiverMatanuska River
Die Alaska Highway zwischen Delta Junction und Tok ist für mich die langweiligste Strecke. Jetzt im Herbst mit den bunten Farben sieht es aber schön aus. Es geht lange geradeaus. Mal geht es ein wenig hinauf, dann wieder hinunter. Von einem Parkplatz aus wollte ich einen Spaziergang zum Lisa Lake machen. Doch nach fünf Minuten musste ich umkehren. Der Weg war überschwemmt. Nur mit Gummistiefeln wäre ich durchgekommen.

Glenn HwyGlenn HwyGlenn Hwy
Vor ein paar Wochen brannte der Wald in Tok. Er wurde durch eine Unachtsamkeit ausgelöst und zerstörte einige Häuser. Zwei Tage lang stellte ich den Van auf einem Campingplatz in Tok ab. Ich baute den Wassertank noch einmal aus und dichtete kritische Stellen mit Material, das ich in Anchorage gekauft hatte. Einen weiteren Tag blieb ich, um diesen Blog fertigzustellen.

Richardson HwyBaustelle Richardson HwyIsabel Pass Richardson Hwy
Isabel Pass Richardson HwySummit LakeRichardson Hwy
Ein Buch, das Pflichtlektüre für jeden besitzergreifenden Mann sein sollte, ist «Die schönste Version» von Ruth-Maria Thomas. Es ist eine sehr gut geschriebene Beziehungsgeschichte, die hoffnungsvoll beginnt und auf einem Polizeiposten und vor Gericht endet. Und ja, es gibt traurigere Versionen solcher Geschichten. Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem (Ex-)Partner umgebracht. Kürzlich sprach das Schweizer Parlament viel Geld für den Schutz von Schafen vor Wölfen frei, zugleich verweigerte es mehr Geld für den Schutz vor häuslicher Gewalt.

Richardson HwyRichardson HwyTrans Alaska Pipeline
überschwemmter WegAlaska Hwynach dem Brand in Tok